Martin Otto: „Der Australien-Trip war jede Sekunde wert“

Frauen-Bundestrainer berichtet von den WM-Vorbereitungen

Team Germanys Road to Hamburg! Die Nationaltrainer Martin Otto und Nicolai Zeltinger schreiben über den Weg des deutschen Frauen- und Männerteams zur Heim-Weltmeisterschaft vom 16. bis 26. August 2018. Teil 9: Frauen-Bundestrainer Martin Otto über die Vorbereitungsturniere in Australien, England und Frankfurt und den Umbruch in seiner Mannschaft.

In den vergangenen Wochen hatten wir mit zwei Leistungslehrgängen und den Trips nach Australien und England ein volles Programm. Dabei haben wir viele Dinge gelernt: Auf dem Top-Niveau, auf dem sich viele Nationen befinden, ist alles möglich. Und mir ist bewusst geworden, dass viele Dinge doch nicht so schnell gehen, wie ich dachte. Das Wichtigste: Wir sind auf einem guten Weg und es hat sich niemand ernsthaft verletzt, alle sind gesund.

Der Australien-Trip war jede Sekunde wert, zumal wir ja eingeladen worden sind und nur die Flüge bezahlen mussten. So haben sich die Australier bei uns revanchiert, weil wir sie im vergangenen Jahr zum World Super Cup eingeladen und Essen, Unterkunft und Transport vor Ort übernommen haben.

Das war eine tolle Möglichkeit, weil das Ausbildungszentrum in Canberra zu den besten der Welt zählt. Es gab drei Hallen, einen tollen Recovery- und Massagebereich, wir konnten Athletikeinheiten durchführen und sie haben in den Hallen eines der besten Video-Aufzeichnungs-Systeme überhaupt. Wir mussten uns nur einloggen und die Kameras haben den Ball verfolgt, sodass wir danach die Trainings- oder Spieleinheiten immer aus mehreren Perspektiven analysieren konnten. In Deutschland gibt es nur drei Standorte, die mit diesem teuren System arbeiten.

Wir haben viel geübt, trainiert, wiederholt und die verschiedenen Kombinationen getestet, damit sich alle kennenlernen. In sechs Testspielen gegen Australien konnten wir vier Mal gewinnen und haben zwei Mal verloren, insgesamt sehe ich uns auf Augenhöhe mit ihnen, da Australien in den Spielen häufig nicht in ihrer stärksten Formation auf dem Feld stand.

Dort habe ich dann auch die Entscheidung getroffen, dass Katharina Lang den letzten vakanten zwölften Platz im Kader bekommt. Schade war nur, dass Marina Mohnen nicht dabei war und diese Phase verpasst hat, aber für mich war es wichtig, so lange wie möglich mit dem Trainingsbeginn bei ihr zu warten, um einen möglichen Rückfall ihrer Verletzung zu vermeiden.

Die beiden vergangenen Wochen waren für die Spielerinnen sehr anstrengend, weil wir in sieben Tagen zehn Spiele absolviert hatten – zunächst im englischen Sheffield, dann in Frankfurt. Aus diesem Grund haben wir den Spielerinnen das letzte Wochenende frei gegeben, um danach bis zur WM jedes Wochenende trainieren zu können.

Insgesamt haben wir uns beim Turnier in England gerade gegen Kanada und Japananfangs schwer getan und lagen jeweils mit neun Punkten hinten, konnten dann aber noch gewinnen. Gegen Großbritannien haben wir in den Turnieren in England und Frankfurt das erste Spiel klar verloren, drei Mal konnten wir sie danach knapp schlagen, während wir gegen die Niederlande vier Mal verloren haben, davon zwei Mal recht deutlich und zwei Mal knapp. Holland ist mein WM-Favorit, aber bei der WM ab dem Viertelfinale braucht man Holland nur einmal schlagen und das ist uns ja auch schon einmal bei der EM 2017 gelungen.

Der Umbruch nach Rio 2016 wird länger dauern als ich zunächst gedacht hatte. Bis wirklich Automatismen und insbesondere neue Spielphilosophien greifen – wie bei den Niederlanden – muss man fünf, sechs, sieben Jahre zusammen spielen. Dazu kommt, dass man in der Nationalmannschaft teilweise auch zum Beispiel bei gruppentaktischen Aspekten eine andere Philosophie hat als im Verein und dann dauert es gerade bei etablierten Spielerinnen umso länger, um das Neue zu verinnerlichen. Ich hoffe, dass die neu formierte Mannschaft bis zu den Paralympics 2020 wie selbstverständlich alles neu Erlernte gemeinsam in Spielen auch gegen die besten Teams der Welt situativ und variabel verfügbar anwenden wird.

Foto: MSSP - michael schwartz sportphoto