Hamburg ist ein hervorragendes Sport-Pflaster

DBS-Präsident Friedhelm-Julius Beucher im Interview

Vom 16. bis 26. August 2018 ist die Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft in Hamburg, die erste in Deutschland. Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, spricht im Interview über Hamburg als Para-Sport-Stadt, das Dilemma zwischen Lust und Pflicht und ob er die Spielerinnen in der Umkleide besuchen wird.

 Za-Donk! Rollstuhl-Basketball Weltmeisterschaft 2018 in Hamburg - woran denken Sie spontan?

 Wir bekommen eines der weltweit größten Turniere, die es im Para-Sport gibt, nach Deutschland – und das wird im kommenden Jahr neben den Winter-Paralympics in PyeongChang und der Para-Leichtathletik-EM in Berlin eines der drei großen Behindertensportevents aus deutscher Sicht.

 Sie sprechen es schon an: Zeitgleich zur Rollstuhlbasketball-WM ist die Para-Leichtathletik-EM in Berlin. Schadet das den Veranstaltungen – oder sind das optimale Voraussetzungen für einen Para-Super-Sommer?

 Das birgt Chancen und Risiken zugleich. Das Risiko ist, dass sich die Para-Sport-Szene in Deutschland aufteilt, dass die Para-Sport-Enthusiasten, die es hierzulande ja durchaus gibt, sich entscheiden müssen, wo sie hingehen. Die Chance besteht darin, dass das Doppelereignis im Sommer in einer bisher nicht dagewesenen Form auf den attraktiven Para-Sport aufmerksam macht. Meine Woche wird so aussehen, dass ich im Dauerverkehr zwischen Hamburg und Berlin täglich pendeln werde.

 Kennen Sie Jennie, Amber, Hiro und Tom?

 Nein.

 Das sind die vier Manga-Helden, quasi die vier Maskottchen der WM.

 Dann habe ich die doch schon gesehen. Ich finde diesen Manga-Style hervorragend und bin ein Fan davon, wenn neue Bewegungen in der Kommunikation aufgegriffen werden, um über soziale Netzwerke Interesse zu generieren. Ich habe sogar einen Za-Donk-Aufkleber auf meinem Wagen, aber der ist insofern schlecht geraten, weil sich die Farben kaum vom Auto abheben. Deshalb bekomme ich jetzt einen mit weißem Hintergrund zugeschickt.

 Haben Sie selbst schon mal Rollstuhlbasketball gespielt?

 Vereinzelt bei Einweihungen oder Trainingsgelegenheiten. Diese Kombination aus der Vorwärtsbewegung durch den Reifenschub und dem Dribbling ist koordinativ so anspruchsvoll, dass ich den Ball meistens auf dem Schoß spazieren gefahren habe. Das hat dafür gesorgt, dass mein Respekt für die Leistung der Athletinnen und Athleten bis ins Unermessliche gestiegen ist.

 Wie ist beim Basketball Ihre Treffsicherheit zu Fuß und im Rollstuhl?

 Ich würde sagen, zwischen einem von vier und zwei von fünf – wobei das erstgenannte die Treffer sind. Ob zu Fuß oder im Rollstuhl, das ist nahezu identisch.

 Was waren ihre besonderen Momente mit dem Rollstuhlbasketball?

 2012 im Damen-Endspiel in London musste ich in meiner Rolle als Präsident die Halle leider vorzeitig verlassen und habe mich dann über Handy und anschließend im Deutschen Haus Paralympics über den Fernseher auf dem Laufenden gehalten. Wir haben hohen Besuch erwartet, aber als die Mädels dann mit ihren Goldmedaillen angekommen sind im Haus – das ist für viele noch unvergesslich – habe ich sie mit einer Sektschwemme empfangen.

 Ist das nicht ärgerlich, wenn man so ein Endspiel vorzeitig verlassen muss?

 Es gibt immer die Entscheidung zwischen Pflicht und Lust, und die muss meist zugunsten der Pflicht ausfallen. Witzig war dann, dass die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft das Spiel in der Halle zu Ende geguckt hat und wir auf sie warten mussten. Aber da waren alle maßlos begeistert, da ist mir die Damen-Nationalmannschaft in besonderem Maße ans Herz gewachsen, da entstand eine emotionale Bindung. Höhepunkt war dann, dass das heilige Kabinen-Verbot ein Jahr später bei der Rollstuhlbasketball-EM in Frankfurt für mich wie selbstverständlich aufgehoben wurde.

 Also sehen wir Sie in Hamburg wieder in der Kabine mit den Mädels jubeln?

 Das kann ich nicht sagen, das sind ja Rechte, die muss man sich vorher hart erkämpfen. Aber mit einigen Spielerinnen von damals hat sich eine über das Dienstliche hinausgehende Freundschaft entwickelt. Wir freuen uns wechselseitig, wenn wir uns sehen.

 Was erhoffen Sie sich von den deutschen Teams?

 Sportlich dürfen vordere Plätze erwartet werden. Den dritten Platz bei der Europameisterschaft von den Männern werte ich wie die Generalprobe, das war ein sehr gutes Ergebnis. Die Frauen waren in der jüngeren Vergangenheit immer im Endspiel. Sie zählen mit dem Heimvorteil sicher wieder zum Favoritenkreis.

 Wen haben Sie sonst im Blick?

 Bei den Frauen werden noch Kanada, die USA, die Niederlande und Großbritannien vorne mitspielen. Bei den Männern will ich nicht spekulieren: Die Konkurrenz ist groß. Die Hoffnung ist daher, dass wir weiter kommen als bei den Paralympics, als wir im Viertelfinale knapp ausgeschieden sind.  

Welche Erwartungen haben Sie außerhalb des Sports an die Weltmeisterschaft? 

Hamburg ist ein hervorragendes Sport-Pflaster. Rollstuhlbasketball ist hier in einem besonderen Maße bekannt und anerkannt. Auch mit Blick auf andere Sportarten mausert sich Hamburg immer mehr zu einer Stadt, in der Para-Sport von tollen Gastgebern empfangen wird. 

Die WM macht Hamburg zur Inklusionshauptstadt: Es gibt Musik, Kultur, Sportangebote. Was würden Sie sofort wahrnehmen? 

Bei mir steht naturgemäß immer der Sport an erster Stelle. Aber Musik und Kultur sind insofern richtige Ergänzungen für mich, weil ich den Sport zur Hochkultur zähle. Was ich dann besuche, kann ich erst sagen, wenn ich den besagten Pflichtteil kenne – dann kann ich Wünsche äußern.

Was ist für Sie im Vordergrund bei der WM: Die Inklusion voranzubringen oder der sportliche Erfolg der deutschen Teams? 

Das sportliche Event steht natürlich ganz oben. Aber das sind ja nie isolierte Vorgänge. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass die WM im Rollstuhlbasketball dazu beiträgt, dass Inklusion in Hamburg eine noch stärkere Rolle als bisher spielt. Im Land Hamburg, auch mit dem Ersten Bürgermeister Olaf Scholz, finden wir ein komplettes, beispielhaftes gesellschaftliches Umfeld. Das ist es auch, was Hamburg als attraktiven Standort für Para-Sport auszeichnet. 

Was muss passieren, dass Sie am Final-Abend des 26. August 2018 glücklich sind? 

Wenn ich mit einem Team – oder ich sag’ mal ganz keck mit beiden – aus voller Brust die deutsche Nationalhymne singen kann, weil sie eine Medaille gewonnen haben.

 

Fotocredit: picture alliance / DBS